Hier eine Story  von André Aeberhard,
genannt "Goethe" oder "Jet".


Warum Goethe?

Warum Jet?

Wer solche Story's und noch mehr erzählen kann, muss Goethe heissen.

Wer das Auslaufen seines Schiffes ab und zu verpasste und danach mit dem Flugzeug dem Schiff in den nächsten Hafen hinterher düsen musste, der heisst nun mal Jet

Ob das die wahren Gründe sind?
Wie mir Jet versicherte, entspricht mindestens die Hälfte der Story der Wahrheit.   Viel Spass !

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Intermezzo auf dem Demerara-River

Ein Bericht von Jet , Anwalt der Armen und Rechtlosen, ©
gewidmet dem legendären Freibeuter, Sir Pit Stonebreaker

Verschollen und vergessen

"Einen fahrenden Sarg" nannten die Eingeborenen in Britisch Guyana den rostigen Frachter, welcher jeden Monat an der Mündung des Demerara-Rivers auf Reede lag, die Flut abwartete, um dann mit halber Kraft voraus den Hafen von Georgetown anzulaufen. Der Seelenverkäufer transportierte Stückgut aus Kanada und Puerto Rico in die sumpfige Region zwischen dem Orinoco und dem Essequibo. Seine Ankunft wurde stets von einer Handvoll weisser Händler, dem Manager der lokalen Bauxitgrube und einer bunten Schar exotischer Seemanns-Bräute sehnsuchtsvoll an der Pier erwartet, verhiess die Ankunft des Dampfers doch Nachschub an feinstem Kanadischen Whiskey* und für die Dauer der Liegezeit eine intensive Belebung des lokalen Nachtlebens.

Doch – zurück zum Anfang der Geschichte, dorthin wo die unerklärlichen Geschehnisse begannen.

Stoisch durchpflügte der Steven der m/s Anunciada die eisigen Wasser des St. Lawrence River, mit Ziel Montreal. Wir schrieben das Frühjahr 1968, auf diesem Rosthaufen von Schiff fuhr eine bunt zusammengewürfelte Meute von verkommenen Seeleuten: Desperados, Schmuggler, Vorbestrafte und Beach-Combers; Subjekte, welche hier zwischen Kanada und den Westindischen Inseln ein Abenteuer oder das schnelle Geld suchten. Das letztere erreichten nur wenige und auch sie, benommen von ihrem Erfolg, endeten meist in Trunksucht oder vergammelten auf einer der heruntergekommenen Kanaaker-Inseln im Süden.

Gross kündete eine Tafel den Hafen von Montreal an. Mit riesigen grünen Lettern auf silbernem Grund hiess es stolz: " A Day – A Ship"! Heute also waren wir an der Reihe. Das Anlegemanöver war für uns Routine, die Festmacher erwarteten uns bereits auf der Pier, die Hände wegen des eisigen Windes der hier oft im April noch blies, tief in den Taschen vergraben, die Nasen von Whiskey gerötet. Ihre Stimmen klangen rauchig, wenn sie uns in ihrem unnachahmlichen Patois, einem Gemisch aus Englisch und Französisch, Anweisungen zuriefen. Mit seinem schwarzen Bart und dem schmuddeligen Beret stand unser Vollmatrose, "Bobo" wie eine Galeonsfigur auf dem Vorschiff auf Manöverstation. Er schmetterte den Longshoremen auf der Pier die"Heaving-Line" mit einem Wurf zu, welcher an jeder Olympiade zu Ehren gereicht hätte. Sogleich zogen diese die an der Wurfleine befestigte schwere Trosse vom Schiff zu einem der grossen Poller auf der Pier und machten sie fest. Danach legte "Bobo", assistiert vom Leichtmatrosen, dem legendären "Pit Stonebreaker", das andere Ende der Trosse über das Ankerspill und hievten das Schiff sinnig an die Kaimauer. Kaum quietschten die Reifenfender zwischen der Schiffswand und der Pier, liess ich die Gangway runterrasseln. Nach dem üblichen Aufklaren stand einem gepflegten Landgang nichts mehr im Wege. Es war Sonnabend und die Löscharbeiten würden nicht vor Montag früh beginnen.

Das Los für die undankbare Hafenwache fiel diesmal auf "Flury", den Bootsmann, der von allen wegen seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn geschätzt wurde, zumal er nie von Alkohol geschwächte Decksleute arbeiten liess. Leider verfügte er aber deshalb zeitweise über weniger als die Hälfte der Crew und er musste oft selbst mitanpacken oder sich beim Kapitän rechtfertigen. Uns alle dagegen, zog es stadtaufwärts, zu O’Leary’s Pub an der Lafayette-Avenue. Dort wurden wir stets wie richtige Gäste behandelt, wenngleich wir oft kaum zu bezahlen vermochten, was wir konsumierten..... . Die Luft bei O’Leary’s war immer geschwängert vom Duft alten Whiskeys und eine Wolke von süsslich gesosstem White Buley hing über der Theke. Der Dollar war hoch, der Durst gross und die Geschichten welche an diesem sagenumwölkten Ort rumgeboten wurden, waren Legende. Heute hatte es auch den Super-Cargo der Hafenmeisterei, hierher verschlagen und alsbald sprach mich der sonst als wortkarg geltende hagere Mann an. Sein kantiges Gesicht wirkte wie aus einer Dollar-Note ausgeschnitten, er war bleich und ausgemergelt und hatte den Charme eines Wasserhydranten. Es fällt mir heute schwer, das da- rauffolgende Gespräch exakt wiederzugeben, denn die halbe Flasche Bourbon‘s zeitigte bereits Wirkung.

"Ihr könnt von Glück reden, dass ihr wohlbehalten aus dem Bermuda-Dreieck zurück seid. Denn das Schiff vom Vortag, die m/s Markab ** ist längst überfällig und wir haben keine Nachricht von ihr". "Na und ?", erwiderte ich, " wenn so ein Schlappen verschollen bleibt, ist es für Euch ja sowieso bloss ein Fall für die Versicherung. Hauptsache der Schaden wird bezahlt. Ob dabei zwei, drei Dutzend Seeleute draufgehen und deren unruhige Seelen danach als weisse (oder etwas dunklere) Möven hinter den Schiffen hergleiten, ist Euch ja scheiss-egal!" Darauf murmelte der Super Cargo etwas Unverständliches und wir liessen die Sache auf sich beruhen. Dieses Gespräch hätte ich wohl für immer vergessen, wenn sich nicht Monate später, einige tausend Seemeilen südlich von O’Leary’s, eine sonderbare Geschichte zugetragen hätte.

Der versetzte Leuchtturm und das Wrack im Riff

An einem heissen Julitag desselben Jahres lagen wir mit der m/s Anunciada vor Antigua, in den Leeward-Islands, auf Reede. Im glasklaren Wasser der Karibik tummelten sich einige Fische und die Mannschaft vertrieb sich den freien Nachmittag auf dem Achterschiff mit einer spontanen Party. Der Matrose, "Don Feuerblick" zupfte die Gitarre und der Rest des heruntergekommenen Sauhaufens grölte aus biergetränkten Kehlen: "Heisser Sand, ja zum verrecken heisser Sand und ein Leben in Gefahr........". Obwohl die meisten dieser Rum-seligen Gestalten kaum mehr imstande waren, ihre eigenen Kojen zu finden, verabredeten wir uns für den folgenden Tag, einem Sonntag auf Reede, für einen Tauchgang im Riff.

Mit dem Beiboot fuhren wir anderntags raus, auf Position 17°20‘N, 62°45‘W und gingen hart am Riff vor Anker. Von dort aus konnte man in etwa drei Seemeilen Entfernung den Leuchtturm auf St.John’s Head, einem grossen Basaltfelsen, sehen. Bootsmann Flury, ein Fachmann in Sachen Peilung, meinte: "Kaum auszumalen, was geschähe, wenn jemand diesen Leuchtturm, der dort schon seit über 400 Jahren steht, ausser Betrieb setzte und auf dem Felsen auf unserer Steuerbordseite nachts ein Feuer entzündete...., selbst ein erfahrener Navigator würde unweigerlich im Revier, wo wir uns für den Tauchgang vorbereiteten, aufs Riff auffahren...". Keine halbe Stunde später, sollten seine Worte prophetische Bedeutung erlangen, als Pit prustend auftauchte und uns aufgeregt zurief: "Da unten liegt ein gut erhaltenes Wrack. Gemeinsam tauchten wir an der bezeichneten Stelle und tatsächlich sichteten wir in rund 20 Metern Tiefe einen gesunkenen Frachter. Rasch stellten wir fest, dass es sich beim Wrack um ein neueres Schiff handeln musste, zumal die Havarie, auch anhand des spärlichen Bewuchses mit Muscheln, nur wenige Monate zurückliegen konnte. Schon tauchten die ersten Riff-Haie auf und wir beschlossen unsere Erkundungen abzubrechen, nachdem der unerschrokene Pit bei einem letzten Tauchgang noch festgestellt hatte, dass am Steven des unglücklichen Bootes der Name nur noch bruchstückhaft zu Entziffern war. Man sehe undeutlich die letzten Buchstabens des Namens, ....."lab", "kab", oder so ähnlich.

Erst als wir bereits wieder an Bord zurückgekehrt waren und mit reichlich Bier den gelungenen Nachmittag und den sagenhaften Sonnenuntergang vor Antigua feierten, ging mir ein Licht auf, dass in diesem Revier das Wetter kaum je Anlass gab, aufs Riff zu navigieren, es sei denn..... . "Jaa", meinte "Räuchli", der Schiffszimmermann, "es sei denn jemand hat den Leuchtturm von St. Johns’s Head versetzt um diesen Schlappen aufs Riff zu locken, exakt so, wie es vor Jahrhunderten schon die legendären Freibeuter praktizierten, um leichte und oft reiche Beute zu machen......". "Es könnte sich ja auch um die verschollene m/s Markab handeln, von der du uns erzählt hast", wandte Pit, der Vordenker, ein. Ein ausführlicher Bericht des Versicherers Lloyds sollte ihm später Recht geben: Beim zufällig aufgespürten Wrack handelte es sich tatsächlich um die "Markab" – die Unglücksursache jedoch wurde nie aufgeklärt, zu geheimnisvoll waren die Umstände, welche zum Untergang dieses Schiffes geführt haben mussten. Die Versicherung jedenfalls bezahlte meines Wissens nie.

Verdammt in alle Ewigkeit

Für mich allerdings, sollte sich das Geheimnis schneller lüften, als mir lieb war. Wie jedesmal am Ende der Insel-Rundreise nahmen wir nach Antigua Kurs auf Georgetown und wie üblich mussten wir am Vorabend des Einlaufens an der Demerara-Mündung auf Reede warten, bis die Flut ihren Höchststand erreicht hatte.Die denk-würdige Nacht des 03. November 1968 sollte sich für immer in meinem Gedächtnis einbrennen. Das Los hatte mich für die Deckswache in jener Nacht auserkoren. In der untergehenden Sonne glänzten die Wasser des Demerara-Rivers oelig, begrenzt durch Mangroven-bestandene Ufer, deren Schatten bereits die finstere Tropen-nacht ankündeten. Rasch senkte sich der schwarze Mantel der Dunkelheit über das Revier. Vom nahen Dschungel zirpten monoton die Zikaden, sonst unterbrach nur verhaltenes Murmeln der auf dem Achterdeck versammelten Seeleute und das eintönige Tuckern des Hilfsdiesels die Stille. Gegen Mitternacht verzogen sich die rum-schweren Matrosen in ihre Kojen und ich blieb allein mit der undurchdringlichen Finsternis und dem gelegentlichen Gurgeln des braunen Flusswassers, welches die Bordwand umspülte.

Plötzlich durchdringt das Bimmeln der Ankerglocke die Stille. Ich ergreife einen Bootshaken und haste dem Vorschiff zu. Vermutlich wieder ein paar Indios die sich aus dem Farblocker in der Vorpiek bedienen wollen, "na wartet, euch wird ich’s zeigen"! Doch kurz vor Luke eins bleibe ich wie angewurzelt stehen, das Bild das sich mir bietet lässt mein Blut in den Adern gefrieren. Hoch auf dem Vorschiff sehe ich im Licht meiner Decks-

Lampe einen Ritter in voller Rüstung, die schwarz glänzenden Augen in seinem bärtigen Gesicht von einem Helm umrahmt, ein gewaltiges Schwert zu seiner Linken . Bei meinem Anblick bricht die mittelalterliche Gestalt in ein krächzendes Gelächter aus und löst sich nach wenigen Sekunden lautlos auf. Zurück bleibt eine eisige Kälte und das ganze Vorschiff ist erfüllt vom Geruch billigen Rums. Danach herrscht Stille und ich stütze mich, zutiefst erschüttert, auf den Lukenrand. Mir dämmerte, nachdem ich mich vom ersten Schock erholt hatte, dass ich soeben dem legendären Freibeuter seiner Majestät, Sir Francis Drake***, begegnet sein musste. So jeden-falls kannte ich diesen "Schreck der Karibik" aus Büchern. Aber der war ja seit 400 Jahren tot!!! Beim anbre-chenden Morgen lichteten wir den Anker und liefen in den Hafen von Georgetown ein.

Die grazilen, mädchenhaften "ladies, of non puritanic-disposition" winkten uns von der Mole jeweils schon während des Anlegemanövers zu und versuchten, mit unmissverständlichen, lasziven Gesten Aufmerksamkeit zu erheischen und ihre Vorzüge für die Gestaltung eines unvergesslichen Landgangs anzupreisen. Die Vorfreude, am Feierabend in den zumeist von Indern geführten Teehäusern und in den darüberliegenden Verschlägen endlich unsere herausragenden Talente einsetzen zu dürfen, liess die Arbeit leichter als üblich von der Hand gehen. Alsbald war die ganze Crew, mit Ausnahme der Deckwache, geduscht, hatte sich in Ausgangsschale gestürzt und war hinter den Lagerschuppen in die tropische Nacht entschwunden. Der Geruch von Muskat, Ingwer und Chili lag in der feucht-warmen Luft, von der Upper Craddock Road her durchdrang der neueste Song einer Calypso-Band die Dunkelheit, aus den Nischen der Häuser das Gekicher und Tuscheln der Alten, welche uns ihre Töchter für ein paar Nächte anvertrauten. Umfangen von diesem aphrodisischen ambiente, bemerkte kaum einer meiner liebestrunkenen Bordkameraden, wie mir auf Deckswache nach meiner unheimlichen Begegnung in der vorausgegeangen Nacht zumute war; ich hatte ihnen ja auch nichts davon erzählt.

Man musste auf dem Demerara schon sehr auf der Hut sein, denn lautlos glitten nachts Eingeborene in ihren Einbäumen längsseits, schwangen ein Seil, an welchem ein Haken befestigt war, über die Verschanzung, hievten sich an Deck und klauten was nicht niet- und nagelfest war. Selbst wenn man sie in flagranti ertappte, erwischte man kaum je einen von ihnen, denn sie waren flink, ausserdem mit Macheten bewaffnet und fanden sich im Revier des Demerara selbst bei Nacht zurecht. Das Gewässer war zudem von Alligatoren und Piranhas verseucht, sodass eine Verfolgung zu riskant erschien. Meist bemerkte man aber ohnehin erst am anderen Morgen, bei Tagesanbruch, dass etwas an Bord fehlte. In jener Reise, im November 1968, allerdings, war alles anders als zuvor und noch heute erschauere ich, wenn die Geschichte wie ein Alptraum vor mir abläuft. Nach der schrecklichen Begegnung mit dem Geist von Sir Francis Drake am Vorabend, sollte es ohnehin meine letzte Reise auf dem Demerara-River sein.

Erst jetzt, in den einsamen Stunden auf Nachtwache ging mir ein Licht auf, wieso die unglückselige m/s Markab unter mysteriösen Umständen vor Antigua hatte sinken müssen. – Dieser Korsar trieb immer noch vor den Inseln "unter dem Winde" sein Unwesen, versetzte Leuchttürme, plünderte Schiffe und liess ganze Mannschaften verschwinden. Noch heute, wenn ein Schiff an der Mündung des Demerara-Rivers auf Reede liegt, hört man in gewissen Nächten das Geräusch von über Deck schleifenden Ketten, legt sich eine Wolke von billigem Rum über das Revier und ertönt dieses schaurige Gelächter eines noch immer unruhigen Geistes.

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Anmerkungen des Autors:

* Whisky: von gälisch "wisge" = Wasser; in Nordamerika üblicherweise "Whiskey".

** Markab: Stern im Sternbild des Pegasus‘, "dem fliegenden Pferd".

***Sir Francis Drake, 1540 – 1596 Freibeuter seiner Majestät, Queen Elisabeth I.;

vor Portobello/Panama unter nie ganz geklärten Umständen aus dem Diesseits geschieden.

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