Vom Gallusplatz auf die Weltmeere

von Walter Zürcher

Zum 100.Todestag des Reeders Daniel Steinmann aus St. Gallen,
der von Antwerpen aus Auswanderer nach Übersee verschiffte

Auswandereragent, Reeder und Konsul: Der St. Galler Schifffahrts-Pionier Daniel Steinmann brachte es in Antwerpen zu etwas. Doch dann wurde er von einer ganzen Reihe Unglücksfälle heimgesucht.

Daniel Steinmann sen.

Als Mitte der 1850igerJahre in Antwerpen der Überseehandel blühte und, unterstützt vom belgischen König Leopold I., viele neue Schifffahrtsgesellschaften entstanden, war auch der St. Galler Daniel Steinmann dabei.

Seine ersten Erfahrungen in maritimen Angelegenheiten machte er durch Geschäftsbeziehungen zu Adolf Strauss, einem bekannten Schiffsagenten in Antwerpen. Dieser hatte sich auf Emigrantenüberfahrten zwischen Antwerpen und New York spezialisiert und ernannte den jungen Steinmann zu seinem Vertreter in der Schweiz.

Doch der junge Stadt St. Galler wollte mehr: 1852 wanderte er nach Antwerpen aus und gründete zwei Jahre später die Auswanderungs-Agentur „Steinmann & Cie". Mit gecharterten Segelschiffen stellte er einen Emigrantendienst nach New York auf die Beine. Bald führte ihn ein Geschäftseifer nach Südamerika, um die Aussichten für Auswanderer zu prüfen, richtete schliesslich einen regelmässigen Dienst nach Brasilien ein. Bald darauf erweiterte er seinen Service mit dem Namen „White Cross Line" (W.C.L.) nach Montevideo und Buenos Aires. Über bis zu zwanzig gemietete Schiffe verfügte er.

Im November 1863 kaufte er sein erstes Segelschiff und nannte es HELVETIA. Wie bei allen künftigen Schiffen der W.C.L. wehte am Heck die belgische Landesflagge, am Mast jene seines Heimatlandes. 1865 gelangten zwei weitere Schiffe in Steinmanns Besitz: Die Bark LUDWIG und die Brigg PRINCESS ROYAL, zusätzlich charterte Steinmann weiterhin Schiffe.

Den letzten und zugleich grössten Windjammer der Flotte erwarb er 1872. Die Firma hiess unterdessen „Steinmann & Ludwig" - mit dem Einsitz seines Partners Hermann Ludwig 1870 änderte sich auch der Name des Unternehmens.

In 21 Tagen nach New York

Fast 20 Jahre lang blieben die Besitzer der Segelschifffahrt treu, und sammelten in dieser Zeit enorme Erfahrungen im Auswanderungsgeschäft. Dann entschlossen sie sich auf Dampf umzustellen. Andere Dampfschifffahrtslinien hatten dies bereits ohne Erfolg versucht.

Die Zeit für die Einführung von Dampfschiffen nach New York war günstig. Die Zahl der Auswanderungswilligen nach den USA und Kanada nahm stark zu, der Handel erlebte nach dem Französisch-Preussischen Krieg einen Aufschwung. Ein gemietetes Schiff machte 1872 den Anfang. Im Oktober nahm der Dampfer STEINMANN den Transatlantik-Dienst auf. Auf ihrer Jungfernfahrt schippte sie in 21 Tagen nach New York. Nach fünf Jahren verkauften Steinmann & Ludwig das Schiff.

Weitere sieben Dampfer mit Kapazitäten für bis zu 900 Passagiere ergänzten in den folgenden Jahren die Flotte.

Verluste in Sturm und Eis

Doch die Geschichte von Daniel Steinmann in Antwerpen ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte: In nicht einmal zehn Jahren verlor die White Cross Line sechs Schiffe.

1876 wurde die C. F. FUNCH durch ein Feuer zerstört, zwei Jahre später ertranken beim Untergang der HERMANN LUDWIG 36 Personen. 1881 blieb die HENRY EYDE auf der Reise von Antwerpen nach Boston mit 40 Besatzungsleuten und 940 Tonnen Zuckerrüben verschollen.

Als Ersatz wurde 1883 als letzter Kauf die deutsche HANSA erstanden.

Dieser in LUDWIG umbenannte Luxus-Dampfer war nicht nur die älteste Einheit der Flotte, sondern mit 100 Metern Länge ihr grösstes Schiff. Kaum wehte am Mast die Schweizer Flagge, wurde im Juli 1883 in Quebec vermeldet, dass die LUDWIG überfällig sei. An Bord befanden sich 32 Passagiere, 43 Mannschaftsmitglieder. Das Schiff inklusive der Fracht von 444 Zuchtrindern war für 500 000 Dollar versichert. Das Rätsel um den Verbleib des Schiffes wurde nie gelöst, doch glaubte man, sie sei nach einer Kollision mit einem Eisberg gesunken.

121 Personen ertranken

Dies war weder die letzte noch die schlimmste Katastrophe, die das Unternehmen ereilte. Das fünfte Desaster ereignete sich am 3.April 1884, als die DANIEL STEINMANN in der Nähe von Halifax mit 121 Personen unterging.

Ein Jahr später ging mit der HELEVTIA das zweitletzte Schiff von Steinmann und Ludwig verloren. An Bord befanden sich keine Passagiere und die Mannschaft konnte gerettet werden. Doch der Wert der Fracht wurde auf 400 000 Dollar geschätzt.

Der einzige verbliebene Dampfer HERMANN wurde 1894 an norwegische Interessenten veräussert.

Damit endete auch die Geschichte des Unternehmens White-Cross-Line.

Der Name Steinmann & Co. in Antwerpen existierte noch weiter - allerdings nicht als Schiffseigner, sondern als Schiffsagenten und Spediteure. Nach dem Tod von Steinmanns Sohn Daniel führten dessen Söhne Paul und George und der Bruder Louis die Firma weiter, bis George Steinmann 1963 starb.

Die Person
Daniel Steinmann

Daniel Steinmann (1825-1903) wuchs im „Haus zur Linde" am Gallusplatz als eines von 14 Kindern auf. Sein Vater Johann Jakob Steinmann (1791-1854) nannte sich Kaufmann und städtischer Unterwaagmeister. 1857 heiratete Daniel Steinmann Johanna Wilhelmine Greve, sie hatten zwei Töchter und einen Sohn.

Am 14.November 1903 starb er. In über 30 Jahren Reedereitätigkeit hatte Steinmann vier Segelschiffe und acht Dampfer besessen. 1890 bis 1894 hatte er als Konsul die schweizerischen Interessen in Antwerpen vertreten. (W.Z.)

Erschienen im St. Galler Tagblatt, 13. November 2003

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