Die Seeräuberei erlebt ihre Wiedergeburt

Das Inselreich Indonesiens ist das bevorzugte Jagdrevier
des organisierten Verbrechens auf hoher See.

Artikel von Manuela Kessler, Singapore

Sie kommen nachts. Ausgerüstet mit modernsten Schnellbooten und Maschinengewehren, machen sie die indonesischen Gewässer unsicher. Mit Enterhaken und Seilen wie Käpten Hook gelangen die Maskierten an Bord von Handelsschiffen. Mit vorgehaltener Waffe rauben sie in der einen Nacht alles, was nicht niet- und nagelfest ist, in einer anderen bringen sie einen ganzen Frachter samt Besatzung zum Verschwinden. Irgendwann und irgendwo setzen sie die gekidnappten Seeleute aus. Das Raubgut aber bleibt in der Regel ebenso spurlos verschwunden wie die Piratenbande selbst.

Indonesien, das mit seinen 13 500 Inseln den grössten Archipel weltweit bildet, bietet unzählige Verstecke. Was Wunder, dass die Piraten zurückgekehrt sind, als das Inselreich 1997 in eine Wirtschaftskrise schlitterte. Millionen von Einwohnern Indonesiens sind heute arbeitslos und leben von der Hand in den Mund. Die verwegenen unter ihnen haben inzwischen mit der Seeräuberei eine Goldgrube erschlossen. 64 Überfalle zählte das Internationale Schifffahrtsamt in der ersten Hälfte des laufenden Jahres in indonesischen Gewässern. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, wie die Uno-Organisation, die in London sitzt, in ihrem jüngsten Bericht feststellt - und macht Indonesien zur Hochburg der Piraten schlechthin.

Warnung an Handelsschiffe

Mehr als ein Viertel aller Attacken auf den Weltmeeren ereignet sich heute in Indonesien, wo die Seeräuberei vor fünf Jahren noch Geschichte war. Das Internationale Schifffahrtsamt warnt Kapitäne von Frachtern eindringlich davor, Anker vor der indonesischen Küste zu werfen. Als Besorgnis erregend erachtet die Behörde nicht nur die Zahl der Überfalle, sondern auch die Tatsache, dass diese immer gewalttätiger ablaufen. In einem soeben veröffentlichten Bericht stuft sie die Piraterie als organisiertes Verbrechen ein.

Experten schliessen nicht aus, dass die Seeräuber mit Unabhängigkeitsbewegungen und Terrornetzen unter einer Decke stecken. Sie verweisen darauf, dass auffällig viele Piraten ihr Unwesen vor Aceh treiben, wo ein Bürgerkrieg wütet. Die indonesische Unruheprovinz befindet sieh an der engen Meeresstrasse von Malakka, durch die ein Drittel des weltweiten Handelsvolumens geschifft wird und praktisch das gesamte Öl, das die asiatischen Volkswirtschaften am Laufen hält.

Das Risiko, das damit einher geht, ist selbst Washington bewusst: Schiffe der US-Marine haben während des Irak-Kriegs Frachter mit heitclen Ladungen durch das Nadelöhr eskortiert, das Indonesien von Malaysia und Singapur trennt. Es bestehe keine Hoffnung, dass sich die Zustände in den indonesischen Gewässern besserten, schreibt das Internationale Schifffahrtsamt - ausser wenn Jakarta sich endlich ernsthaft bemühe, seine schier endlose Küste besser zu sichern. Ein Seeräuber, welcher den indonesischen Behörden heute ins Netz gehe, müsse mit Dummheit geschlagen sein, sagen die Fachleute. Nun rüsten die grössen Handelsflotten in der Region selbst gegen die Piraten auf. Viele haben in den letzten Monaten elektrische Zäune um die Schiffsdecks gezogen. Wer die Einfriedungen, die mit 9000 Volt geladen sind, überwinden will, riskiert sein Leben. Immer mehr Frachter und Tanker sind zudem einem Warnsystem angeschlossen, das einen internationalen Alarm auslöst, sobald sie den Schiffsweg verlassen.

Der Schmuggel blüht

In Indonesien haben hohe und höchste Kreise, so muss angenommen werden, ein Interesse daran, dass Indonesiens Küstenwache durchlässig bleibt. Nur mit Deckung aus Regierungsetagen ist es möglich, dass der Inselstaat als Schmugglerparadies dermassen blüht. Ein diplomatischer Schlagabtausch zwischen der indonesischen Industrie- und Handelsmmisterin und ihrem Amtskollegen in Singapur brachte diesen Umstand unlängst ans Tageslicht. Rini Soewandi beschuldigte den Stadtstaat, sich wenig kooperativ in der Schmuggelbekämpfung zu zeigen. Die übereifrige Ministerin verlangte öffentlich, dass Singapur das Volumen des bilateralen Handels veröffentlicht. Das Ansinnen widersprach einem Abkommen, das zwischen den beiden Nachbarländern seit Suhartos Zeiten gilt und es dem Diktator wahrscheinlich erleichterte, still und leise Milliarden beiseite zu schaffen.

Indonesische Regierung blossgestellt

Singapur liess den Vorwurf nicht auf sich sitzen. Jahr für Jahr lasse es Jakarta detaillierte Zahlen zukommen, gab Minister George Yeo bekannt. 2002 habe der Stadtstaat - abgesehen von Erdölprodukten - Waren im Wert von 7 Milliarden Franken nach Indonesien exportiert und für knapp 10 Milliarden Franken von dort importiert. Wie peinlich: Das indonesische Zentralamt für Statistik hatte insgesamt 7,6 Milliarden Franken weniger ausgewiesen. Mit anderen Worten: Rund die Hälfte der Güter von und nach Singapur wurde letztes Jahr geschmuggelt - und Jakarta liess sich gut 1 Milliarde Franken an Steuern entgehen. Es stehe der indonesischen Regierung frei, erklärte Minister Yeo, die Singapurer Handelszahlen zu veröffentlichen. Den Schmugglern in den eigenen Reihen aber müsse Jakarta schon selbst das Handwerk legen.

Tagesanzeiger, 4. August 2003


Wir danken Manuela Kessler , welche uns diesen Artikel kostenlos zur Verfügung stellt.
Team Swiss-Ships.

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