GESCHICHTE DER REEDEREI ZÜRICH AG BASEL

(MIGROS)

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Nachdem Gottlieb Duttweiler und der Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich im Jahre 1943 aus der Reederei Maritime Suisse S. A. unter widrigen Umständen ausgestiegen waren, verfolgte G. Duttweiler nach Beendigung des zweiten Weltkrieges trotzdem wieder verschiedene Schifffahrtsprojekte.

Eine Idee war die Schaffung einer Amerikanisch / Italienischen / Schweizerischen Reederei mit vorerst 3 Victory- und 3 Liberty Schiffen, die im Liniendienst zwischen den USA und dem Mittelmeer eingesetzt worden wären.

Andere Bemühungen gingen dahin, einen kostengünstigen Passagierservice zwischen den USA und Europa anzubieten. Verschiedene Schiffe wurden in Betracht gezogen, z. B.:

1) s/s "SANTA CRUZ" ex "PRESIDENT JOHNSON", 16'111 BRT, Verdrängung 26'700 Tons

2) s/s "JOHN ERICSSON" ex "KUNGSHOLM", 16'500 BRT, gebaut 1928 in Deutschland

Verschiedene Schiffsmakler hatten in den sechs Jahren nach dem Krieg unzählige Schiffe zum Kauf angeboten. Einer von ihnen war der dänische Reeder Christian Clausen aus Svendborg, Sohn des Kapitäns Carl Clausen aus Haderslev, der schon 1947 mit Duttweiler in Verbindung war.

Gottlieb Duttweiler (1888 - 1962) war ein Zürcher Geschäftsmann und entstammte einer alteingesessenen Zürcher Familie. Sein Vater war in leitender Stellung im LVZ, dem Lebensmittelverein Zürich, daher kam wohl auch seine soziale Einstellung. Er heiratete im Jahr 1923 Frau Adele Bertschi aus Horgen, aber ihre Ehe blieb kinderlos. In jungen Jahren sammelte Duttweiler auch Erfahrungen durch seine Auslandaufenthalte in Le Havre, Brasilien, Spanien und Genua. Am 15. August 1925 gründete er die Migros, heute eine der grössten, genossenschaftlich organisierten Supermarktketten in der Schweiz mit eigenen Produktions- und Dienstleistungsbetrieben. Die verschiedenen behördlichen Massnahmen (Filialverbot 1933) gegen die Migros trieben ihn in die Politik und 1935 wurde er zusammen mit 6 weiteren Kandidaten auf der Liste der "Unabhängigen" in den Nationalrat gewählt. 1936 gründete er nun auch eine eigene politische Partei, den Landesring der Unabhängigen, der eine sozialliberale Politik vertrat. Auch der Begriff "das soziale Kapital" wurde von Duttweiler geprägt. Duttweiler verbleib im Nationalrat bis zu seinem Tod, unterbrochen von drei Jahren, als er den Kanton Zürich im Ständerat vertrat. Im National- und im Ständerat setzte er sich auch für die Belange der Schweizer Hochsee- und Rheinschifffahrt ein. Allerdings stieg die Partei nach Duttweilers Tod in die Bedeutungslosigkeit ab und wurde1999 aufgelöst, siehe auch www.migros.ch

Die Reederei Zürich A.G., mit Sitz Limmatstrasse 152, Zürich wurde auf Initiative von Gottlieb Duttweiler, Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich, zusammen mit seinem Freund, Ernst Göhner, ein Zürcher Bauunternehmer, im August 1951 gegründet, mit einem Aktienkapital von 3,5 Mio. Franken das sie zu gleichen Teilen einbezahlt hatten. Im Verwaltungsrat waren Gottlieb Duttweiler als Präsident, Ernst Göhner als Vizepräsident, Heinrich Rengel von der MGB-Verwaltung und Oskar Meier.

Ernst Göhner (1900 - 1971) war der Zweitjüngste von sechs Kindern eines Zürcher Glasermeisters. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste er mit 20 Jahren die Glaserei übernehmen. Im Jahre 1925 heiratete er Amelia Burkhard, auch diese Ehe blieb kinderlos. Erst kaufte er eine Türen- und Fensterfabrik (heute Ego Kiefer AG) und dann gründete er das Bauunternehmen Ernst Göhner AG, das als Erstes in der Schweiz Normhäuser im Elementbau erstellte. Er war ein langjähriger Freund von Gottlieb Duttweiler. Zusammen mit Duttweiler und Dieter Bührle setzte er sich für die Schweizer Rhein- und Hochseeschifffahrt ein. 1954 wurde er Verwaltungsrat der Schweizerischen Reederei AG. Sein Vermögen brachte er zu Lebzeiten in die gemeinnützige Ernst Göhner Stiftung ein zu der auch Panalpina gehörte.

Nun wurden zwei schnelle Frachtschiffe bei der Werft H.C. Stülcken in Hamburg bestellt. Der Auftragswert betrug 5,0 Millionen Deutsche Mark (DM) pro Schiff ohne die Hauptmaschinen, die beide bei Gebrüder Sulzer AG in Winterthur für total 3,75 Millionen Franken in Auftrag gegeben wurden. Die Eidgenossenschaft finanzierte 75 % der Baukosten der beiden Schiffe mit der Auflage, dass sie in Krisenzeiten dem Bund sofort zur Verfügung gestellt werden. Die Kiellegung der Schiffe erfolgte im November 1951 und das erste Schiff die ADELE wurde am 15. Juli 1952 von Stapel gelassen. Gemäss einem Artikel im "Brückenbauer" wurden in der Lokalpresse in Hamburg besonders die schönen Unterkünfte der Besatzung lobend erwähnt.

Die beiden Schiffe "ADELE" und "AMELIA", getauft nach den Namen der Ehefrauen der beiden Aktionäre, wurden im Herbst 1952 abgeliefert und gingen für sechs Jahre in Zeit Charter mit Saguenay Terminals Inc. Montreal, ein Tochterunternehmen des mächtigen kanadischen Aluminiumkonzerns ALCAN und wurden auf der Linie Nordeuropa - Westindien (Karibik) - Kanada eingesetzt. Da die Schiffsnamen der Saguenay Schiffe alle mit SUN anfangen, wurden die Schiffe sogleich nach der Übernahme in "SUNADELE" und "SUNAMELIA" umgetauft. Später wurden die Charter Verträge für die Schiffe jeweils wieder verlängert.

Einige Parlamentarier und auch Schweizer Zeitungen störten sich am englischen Präfix "Sun" im Schiffsnamen "SUNADELE" und andere entrüsteten sich über die Charterer, die Thurgauer Arbeiterzeitung schrieb am 27. September 1952: "...Dabei wurde dem staunenden Nationalrat mitgeteilt, dass das Migrosschiff "Sun-Adele" für 6 Jahre an den Kanadischen Aluminium Trust verchartert worden ist, der für alle seine Schiffe die Bezeichnung Sun (Sonne) führt. Also Migros und die Aluminium Trust ("Halunken") Arm in Arm. Wie heisst es doch? Die Sonne scheint für alle Leut."

Anfänglich bis etwa 1955 (genau wissen wir es auch nicht) wurde die technische Betreuung, sowie die Bemannung der Schiffe durch die Reederei C. Clausen in Kopenhagen wahrgenommen. Während der ersten drei bis vier Jahre bestanden die Besatzungen der beiden Schiffe hauptsächlich aus Dänen, nur ganz wenige Schweizer waren an Bord. In dieser Zeit waren die Seeleute nach dänischen Heuerkonditionen angestellt und wurden nach dänischem Heuertarif in DKK bezahlt.

Nachdem das Management von Clausen aufgegeben wurde, änderte sich das allerdings sehr schnell, die Besatzungen waren nun zum grossen Teil Schweizer (Siehe Weihnachtsbrief an Angehörige 1956) mit Ausnahme der Deckoffiziere die meistens aus Deutschland oder Holland stammten. Jetzt wurden die Heuern auch nach Schweizer Tarif bezahlt der natürlich niedriger war, als die skandinavischen Heuern.

Nachdem die Reederei Zürich AG den Betrieb der Schiffe selber übernommen hatte, wurde vermutlich auch das erste Betriebsbüro an der Schoffelgasse 7 in Zürich eröffnet (im Zürcher Niederdorf).

Der erste Direktor der Firma war Gottfried Isler, der vorher über viele Jahre das Büro der Schweizerischen Reederei AG in Rotterdam geleitet hatte und auch Schweizer Konsul in Rotterdam war. Nach einigen Unstimmigkeiten mit dem Verwaltungsrat verliess Herr Isler die Reederei im Januar 1967.

Zwei Jahre später, am 1. Juni 1954 wurde die der Speditionsfirma Rodolphe Haller AG, Genf gehörende Rodolphe Haller Rheinreederei AG, Genf aufgekauft, die 7 Gütermotorschiffe im Besitz hatte. Die Flotte wurde jetzt unter dem Namen Rheinreederei Zürich AG weiterbetrieben. Anfänglich wurde die Rheinreederei in den bestehenden, alten Büros der Haller AG an der Malzgasse 7 in Basel weiterbetrieben.

Unter dem Druck des Boykottes der Migrol, wurden 1955 zwei Gütermotorschiffe, die "WALENSEE" und die "ZUGERSEE" zu Tankmotorschiffen umgebaut, um den Nachschub für die Migrol sicherzustellen. Als Randbemerkung, denn mit der Reederei Zürich hat es nichts zu tun, Duttweiler hatte als Aussenseiter auch grosse Schwierigkeiten Rohöl für die Migrol einzukaufen und das Kartell der Ölmultis zu durchbrechen. Zum Beispiel im Jahr 1951 hatte Iran die Anglo-Iranian Oil Company verstaatlicht, was zu einem Boykott durch Grossbritannien führte. Jean Arnet von der Migrol kaufte nun im Iran, vermutlich zu einem sehr günstigen Preis, eine Partie Rohöl (15'000 Tonnen). Um es nach Europa zu bringen, wurden die ersten 1000 Tonnen Öl auf einen kleinen, Tanker, die "ROSE MARY" (Eigner Arosa-Line, Genf / Costa Rica Flagge) geladen. Allerdings wurde das Schiff dann vor Aden von den Briten abgefangen und die Ladung beschlagnahmt.

Aus ähnlichen Gründen wurde auch ein Umschlagterminal und eine Werkstatt in Weil a/R gleich nach der Grenze in Deutschland gebaut, denn zu jener Zeit wollte niemand der Migros Land am Rheinufer in Basel zur Verfügung stellen.

Im Jahr 1963 wurde die Rheinreederei Zürich AG aus organisatorischen Gründen mit der Reederei Zürich AG zusammengelegt. Wir vermuten, dass bei dieser Fusion auch das Betriebsbüro an der Unteren Rebgasse 11 in Basel (in Kleinbasel) eröffnet wurde und die anderen Büros aufgegeben wurden.

Im Februar 1966 beendigte die "SUNADELE" ihren Timecharter mit Saguenay und fuhr dann als "ADELE" weiter bis zu ihrem Verkauf im November des gleichen Jahres. Die "SUNAMELIA" verblieb im Saguenay Charter bis zum 31. Dezember 1968 und wurde dann wieder auf "AMELIA" umbenannt und es verblieben ihr noch gute zwei Jahre unter der Flagge der Reederei Zürich. Die Reederei erwartete grössere Reparaturen während der fälligen Klassenerneuerung 1970 und entschloss sich zum Verkauf des Schiffes, die Übergabe an den Käufer erfolgte Ende Februar 1970. Die Seeschiffe wurden nicht mehr ersetzt, somit endete die Ära der Seefahrt.

Das an Land beschäftigte Personal der Reederei Zürich AG setzte sich per Ende 1967 aus 15 Personen im Büro und aus 4 Monteuren zusammen. Die Firma beschäftigte auch einige langjährige Mitarbeiter, wie Fräulein Weber, Personalchefin, Kapitän Rudolf Weber und Ingenieur Willi Nüesch. Kapt. Weber kam 1956 zur Reederei, zuerst als 1. Offizier, nachher wurde er Kapitän und schliesslich arbeitete er im Büro in Basel. Willi Nüesch ein ehemaliger Sulzer Ingenieur war technischer Leiter der Reederei.

Zu Beginn der 70er Jahre bestand die Rheinflotte aus 12 Güter- und 4 Tankmotorschiffen und in 1984 waren es immer noch total 16 Einheiten mit 26'000 Tonnen Tragfähigkeit. Verschiedene Rheinschiffe wurden unter der Leitung von W. Nüesch im Auftrag der Reederei gebaut und in Dienst gestellt.

Am 8. August 1978 sank das mit Zellulose beladen Gütermotorschiff "GREIFENSEE" während eines heftigen Gewitters mit Hochwasser im Hafen von Weil a/R unterhalb Basels. Der Schiffsführer wollte das Schiff an einen sicheren Liegeplatz verholen, dabei wurde das Schiff plötzlich unter Wasser gedrückt. Das Schiff wurde in eigner Regie unter Führung von W. Nüesch mit Hilfe von Havarieexperten wieder gehoben, aber wegen der grossen, kostspieligen Schäden abgestossen.

Ab 1980 begann sich die Migros (MGB) an der finanziell stark angeschlagenen SRN, Schweiz. Reederei & Neptun AG zu beteiligen und 1984 erwarb der MGB die Aktienmehrheit der SRN. Am 1. März 1986 wurde eine Betriebsgemeinschaft zwischen der Reederei Zürich AG und der SRN ins Leben gerufen, um die Schiffe der beiden Rheinflotten gemeinsam zu betrieben.

Obwohl es 1997 gelungen war, die SRN wieder in schwarze Zahlen zurückzubringen, schwand das Interesse des MGB an der Rheinschifffahrt und am 21. Februar 2000 wurde die SRN an die deutsche Rhenus Gruppe verkauft, somit verschwanden zwei traditionsreiche Schweizer Reedereien und heute sucht man vergeblich das Logo oder die Reedereiflagge der SRN im Rheinhafen Basel.

Die Firma Reederei Zürich AG wurde am 30. September 1996 aus dem Handelregister gelöscht.

Anmerkung: Die heutige Reederei Zürich AG in Zürich hat nichts mit der alten Reederei Zürich zu tun, sondern hat nach der Löschung der alten Reederei Zürich aus dem Handelsregister nur deren freigewordenen Namen übernommen.

HPS-SwissShips, August 2011

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