Verkehrshaus erhält kleine "Carona"

Rettungsboot des 1964 in der Nordsee gesunkenen Schweizer Frachters

hrb. Luzern ist am kommenden Wochenende «Zentrum» der schweizerischen Seeschiffahrt: Gefeiert wird an zwei Tagen «50 Jahre Schweizer Flagge auf (Hoch-)See», organisiert vom Seemannsclub der Schweiz (SCS). Dabei wird das fachmännisch wieder instand gestellte Rettungsboot der 1964 gesunkenen «Carona» dem Verkehrshaus übergeben.

Der Schweizer Frachter «Carona», 2351 BRT, mit 3000 Tonnen Tragfähigkeit (DWT), gehörte der Schweizerischen Reederei AG in Basel und war im Dienst Nordeuropa-Westindien/Mittelamerika eingesetzt. Das 95 m lange und 14 m breite Schiff wurde am 28. Februar 1964 auf der Reise von Bremen nach Antwerpen im dichten Nebel in der Nähe des Feuerschiffs «Terschellingerbank» vom liberianischen "Liberty" Frachter «Evagelistria» gerammt und sank innert weniger Minuten. Im längst vergriffenen Buch von Hans R. Bachmann «Schweizer Schiffahrt auf den Meeren» (Orell Füssli, 1966) schilderte der 1. Offizier der «Carona», Hermann Schildknecht, die Rettungsaktion.

Kollision im dichten Nebel

«Nach dem Mittagessen hatte ich mich in meiner Kabine zur Ruhe gelegt, als ich durch ein Geräusch erwachte, das sich anhörte, wie wenn Eisenplatten aneinander gerieben würden. Das ganze Schiff erzitterte. Ich schaute zum Fenster hinaus und sah nur, wie der grosse Schatten eines Schiffes im Nebel verschwand. Ich zog mich an; doch hatte ich nicht damit gerechnet, dass etwas Schlimmes geschehen war.

Unsere Ladebäume waren aus ihren Lagern geschleudert und hingen über Bord. Das Schiff bekam schnell Schlagseite, und ich beeilte mich, auf die Brücke zu kommen. Oben war kein Mensch mehr, auch die Funkkabine war leer. Ich schaute auf das Vorschiff hinunter und gewahrte ein riesiges Loch, das einen Blick ins Zwischendeck ermöglichte, in dem sich die von uns geladenen Autos in einer ungewohnten Lage befanden.

Auf dem Bootsdeck hatte die Besatzung unter der Leitung von Kapitän Closter bereits die Schwimmwesten verteilt. Alles rollte sich schnell und ohne Panik ab. Die Davits mussten nicht mehr aussenbords gedreht werden, weil das Schiff schon soviel Schlagseite hatte, dass das einzig brauchbare Steuerbord-Boot über dem Wasser pendelte. Glücklicherweise herrschte ruhiges Wetter. und es ging auch fast kein Wind. Schnell war die ganze Besatzung im Boot, wo eine nochmalige Zählung veranstaltet wurde. Dann pullten wir etwas vom Schiff weg. Wir konnten noch sehen, wie die "Carona" das Heck in die Luft streckte.

Die Schiffsleitung wusste, dass wir in der Nähe des Feuerschiffes "Terschellingerbank" waren, dessen Nebelsignale wir auch hörten. In der Richtung des Tones sind wir zum Feuerschiff gerudert. Je näher wir dem Feuerschiff kamen, um so sicherer fühlten wir uns, nicht mehr von einem anderen Schiff im Nebel überfahren zu werden. Nach ungefähr einer Stunde erkannten wir den Lichtschein des Feuerschiffes, die Leute nahmen uns sofort an Bord und gaben uns heissen Kaffee.»

Nach einer Stunde Aufenthalt auf der TERSCHELLINGERBANK wurden wir vom Seerettungskreuzer CARLOT der Königlich Nord- und Südholländischen Rettungsgesellschaft abgeholt und nach der Insel Terschelling gebracht. Dort kamen wir in Hotels und erhielten Gelegenheit, uns nach vielen Stunden zu waschen und zu wärmen. Es war auch möglich, sich die nötigsten Kleider zu beschaffen. Da jeder nur das, was er gerade auf dem Leib trug, retten konnte, fehlte jedem etwas.

Dem grössten Teil der Besatzung und auch mir erging es so, dass wir erst ein oder zwei Tage später in Antwerpen realisierten, was eigentlich geschehen war. Ein seltsames Gefühl zu wissen, dass der ganze Arbeitsplatz, die ganze Umgebung in der wir gewohnt und gelebt hatten, mit einem Schlag weg war. Für die erste Zeit war es schwierig, mit dieser Tatsache fertig zu werden, und es gab traurige Gesichter; denn viele hatten persönliche Sachen und Geräte, wie Tonbänder und Radios verloren, aber auch Schallplatten, die sie nicht mehr erhalten können oder erst wieder in ein paar Jahren, wenn sie wieder nach Mittelamerika fahren. Es sind vor allem die persönlichen Andenken, die keinen finanziellen Wert haben, die am meisten vermisst werden."

Das Rettungsboot der «Carona» wurde nach Basel gebracht und lag dann etwas vergessen beim Restaurant Schifferhaus. Schliesslich wurde es den Seepfadfindern auf dem Zürichsee geschenkt. Während all der Jahre wurde jeweils um den 28. Februar, dem Untergangsdatum der grossen «Carona», eine kleine Feier veranstaltet.

Im Herbst 1988 erfuhr der Seemannsclub der Schweiz (SCS) von der Absicht, das Boot abzustossen. Auf einem Tieflader wurde die kleine «Carona» zurück nach Basel gebracht und in vielen Stunden Fronarbeit in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt.